Letztes Wochenende war ich freitags im Musical und Samstagabend auf einer Weihnachtsfeier. Beides wirklich wirklich schöne Abende mit ganz tollen Menschen. Aber ich merke auch immer mehr wie sehr mich solche Happenings einfach auslaugen und wie fertig es mich macht, wenn ich in einem Raum voller Menschen bin. Die Geräuschkulisse zum einen, die vielen Energien zum anderen. Ich hab dann immer das Gefühl, dass ich das alles um mich herum doppelt und dreifach so stark aufnehme wie meine Mitmenschen. Warum ich das denke? Weil es mir vorkommt, dass sie durch so richtig aufblühen und sich mitreißen lassen können, während ich bei mir richtig spüre, wie ich von Minute zu Minute Energie verliere und immer mehr in mich kehre.

Erst seit diesem Jahr weiß ich, dass ich eigentlich eher introvertiert bin. Ich habe jahrelang versucht jemand anderer zu sein und mir selbst und allen anderen etwas vorgespielt. Warum? Weil extrovertierte Menschen es in unserer Gesellschaft leichter haben.  Menschen, die sich gut verkaufen können, die gut auf andere zugehen können und die einfach zeigen, was sie können, sind besser vernetzt, beliebter, kommunikativer. So mein Bullshit Bingo. Aber auch ich mag kein Schubladendenken. Was mich angeht, bin ich wahrscheinlich zu 70% introvertiert und 30 % extrovertiert (vor allem im Freundeskreis, wenn wir gemütlich zusammen sind und ich mich wohlfühle oder wenn ich es eben sein muss). Ich habe mal einen extrovertieren Tag, aber mein Wesen ist grundsätzlich introvertiert. Ich war auch immer die, die beim Feiern um Mitternacht auf die Uhr geschaut hat und sich gefragt hat, wann sie endlich nach Hause kann „ohne, dass es merkwürdig erscheint“. Ich glaube auch, dass meine Freunde eigentlich nur meine extrovertierte Seite kannten bis vor zwei Jahren weil ich auch nach außen hin immer nur diese Seite gezeigt habe. Das Ergebnis war, dass ich zu allem Ja gesagt habe, viel zu viele Verabredungen zugesagt habe, weil ich nicht sagen konnte oder wollte, dass ich Zeit alleine brauche und deswegen eine sehr unzuverlässige Freundin war, weil ich immer kurzfristig Treffen abgesagt habe – einfach, weil ich komplett ausgelaugt war von den vielen äußeren Einflüssen. Mir selbst wollte ich das aber nicht eingestehen. Ich hatte Gedanken wie „zu Hause alleine zu sein ist faul“ oder auch einfach Angst etwas zu verpassen. Das Komische – wenn ich die Verabredungen abgesagt habe, dann konnte ich das nicht genießen, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, aber eigentlich war ich innerlich total froh in meinen eigenen 4 Wänden zu sein. 

Seit diesem Jahr habe ich angefangen mich als introvertiert zu akzeptieren und nicht mehr so zu tun als wäre ich jemand anderes. Ich habe angefangen meine Grenzen dahingehend auch stärker zu kommunizieren. Gerade im Freundeskreis und ich weiß, dass das für viele meiner Freunde Neuland war, dass ich so deutlich geworden bin und deswegen möchte ich mit diesem Artikel hauptsächlich erklären warum Grenzen für introvertierte Menschen so wichtig sind und dass das gegen niemanden persönlich geht. Ich möchte einfach Verständnis schaffen, wie wir introvertierten Menschen ticken und zeigen, dass wir sehr wohl auch mit extrovertierten Menschen befreundet sein können ohne, dass es Probleme gibt. Wenn man sich ein bisschen entgegenkommt. Ich kann das ganz sicher sagen, denn ich bin sogar seit 6 Jahren glücklich mit einem extrovertierten Mann zusammen. 

Was bedeutet es überhaupt Zeit alleine verbringen zu wollen?

Der erste Punkt, der mir wichtig ist, ist zu erklären was Zeit alleine für mich bedeutet. Es gibt Menschen (meist extrovertiert), die bekommen ihre Energie aus dem Kontakt zu ihren Mitmenschen.  Die blühen dann richtig auf, ganz nach dem Motto: je mehr Leute, desto besser. Und dann gibt es im Gegenzug dazu uns Introvertierte. Wir gehen natürlich auch unter Menschen und unternehmen gerne etwas mit Freunden, aber es hat einfach den Unterschied, dass uns das immer erstmal Energie raubt – egal, wie schön es auch sein mag. Und das hat nichts damit zu tun, dass es nicht nett genug ist oder dass wir uns nicht wohlfühlen. Es ist einfach etwas ganz Grundlegendes, dass wir unsere Akkus aufladen, indem wir alleine sind, während Extrovertierte eben ihre Akkus aufladen, indem sie mit anderen Menschen zusammen sind. Dafür kann auch niemand etwas, das ist Fakt. 

Die Sache mit den Akkus…

Es kann also sein, dass wir mit Freunden unterwegs sind und die beste Zeit unseres Lebens haben und dann plötzlich unsere Akkus leer gehen und wir einfach nur noch nach Hause wollen. Dieses Phänomen beschreibt meine Jugend und auch meine 20er bis eben vor zwei Jahren so gut. Ich hab es ja vorhin schon erwähnt, dass ich im Club immer auf die Uhr geschaut habe, wann ich endlich nach Hause gehen kann. Es hat aber nun mal dazu gehört und natürlich hatte ich auch gute Abende, wo ich die Zeit im Club vergessen habe, aber da war an diesem Abend einfach meine extrovertierte Seite stärker ausgeprägt. 

Ich meine das nicht böse!

Der Titel lautet „ich meine das nicht böse“. Warum sage ich das so? Weil ich selbst erlebt habe, dass manche Menschen meine persönlichen Grenzen nicht akzeptieren oder nachvollziehen können und manchmal sogar persönlich nehmen. So als würde ich nicht gerne Zeit mit ihnen verbringen, nur weil ich nicht non-stop mit ihnen zusammen sein kann. Hat man ja auch oft unter Freundinnen das Thema… Ich bin seit 6 Jahren mit meinem Freund zusammen und wir sind sehr glücklich und trotzdem kann ich sagen, dass ich manchmal erst richtig durchatmen und mich erholen kann, wenn ich ALLEINE bin. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht genügend liebe oder dass ich nicht mit ihm zusammen sein will, sondern dass ich keine bessere Hälfte von jemandem bin, sondern ein vollwertiger und eigenständiger Mensch bin, der eben seine ganz eigenen und individuellen Bedürfnisse hat. Und mein Bedürfnis nach Me-Time ist eben größer als seins. Und er versteht das zum Glück auch. Da er extrovertiert ist, lebt er das dann einfach ohne mich aus. Das war aber auch schon früher so, als ich noch zu Hause gewohnt habe bei meiner Mama mit meinen Schwestern. Da war „durchatmen“ für mich, wenn ich „sturmfrei“ hatte. 

Ich will damit nur sagen, dass „Liebe“ dabei eigentlich keine Rolle spielt. Ich liebe meinen Freund, hab meine Familie und meine Freundinnen ganz arg lieb, aber trotzdem brauche ich Zeit alleine. Deswegen sagen meine Grenzen in diesem Fall auch nichts über eine Beziehung aus, sondern sind einfach nur für MICH da. Es gibt also keinen Grund etwas persönlich zu nehmen. 

Wenn ich alleine sein kann, habt ihr alle was davon!

Ich denke außerdem auch immer, dass es für meine Mitmenschen doch besser ist, wenn ich so auf mich achte. Ich sage keine Verabredungen mehr kurzfristig ab. Ich rede offen und ehrlich über meine Bedürfnisse. Ich sorge gut für mich und diese Energie kann ich wiederrum in meine Beziehungen stecken. Ja, Grenzen setzen ist definitiv eine Form von Selbstfürsorge. 

Ein weiterer Punkt, der mir auf dem Herzen liegt ist, dass uns „Bonding“ sehr wohl wichtig ist – also die Nähe und Verbundenheit zu anderen Menschen zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Wir sind ja keine Eigenbrötler, sondern einfach nur hin und wieder gerne mal alleine, um die Akkus aufzutanken. Aber es ist für uns intensiver und schöner, wenn wir zum Beispiel Zweisamkeit (auch mit Freundinnen) verbringen oder in kleinen Gruppen echte & tiefgründige Gespräche führen. Uns gibt das einfach viel mehr als irgendeine Nacht im Club. 

Mir ist es zum Beispiel auch sehr wichtig tiefgründige Freundschaften zu haben und Menschen zu haben, mit denen ich über alles Mögliche philosophieren kann. Introvertiert sein bedeutet eben nicht, dass ich mich von allen Menschen abkapseln will und keine Nähe zulassen möchte. Ganz im Gegenteil. Nähe ist sehr wichtig, aber vielleicht bauen wir die einfach anders auf als extrovertierte Menschen. 

Warum das trotzdem passt? Weil ich ja wie gesagt auch mal extrovertierte Tage oder kürzere Phasen habe und man sich so ganz gut entgegenkommen kann. 

Ich bin vielleicht nicht die Freundin, mit der du nächtelang im Club durchfeiern kannst oder die von einem Event zum nächsten mit dir geht, aber ich bin die Freundin, die immer da ist, wenn du sie brauchst, dir zuhört, mit der du Spaß haben kannst, die mitfühlt und die, die es zu Hause für alle immer ganz gemütlich macht. Ich bin zum Beispiel auch ultragerne Gastgeberin für Mädelsabende – das war auch schon immer so.

Zum Abschluss möchte ich auch noch eins sagen. Ich tue mich heute auch noch oft schwer bei manchen Menschen, wirklich ehrlich zu sagen, wenn ich Zeit für mich brauche. Ich darf da also auch noch selbstbewusster werden und meine Angst vor den Reaktionen verlieren. Mir hilft auch der Gedanke, dass wenn jemand meine persönlichen Grenzen nicht respektiert oder mich deswegen weniger gernhat, dann gehört dieser Mensch wahrscheinlich auch einfach nicht in mein Leben. Dadurch traue ich mich immer mehr von mir zu zeigen und zu mir zu stehen. Ich fahre damit auch sehr gut, will aber nur sagen, dass ich auch noch lange nicht am Ziel bin. 

Du siehst schon – ich möchte dich dazu ermutigen deine Introversion zu akzeptieren und dass du deswegen nicht denkst, dass etwas mit dir nicht stimmt oder du keine gute Freundin sein kannst. Ich weiß, dass nicht nur ich diesen innerlichen Struggle hatte, sondern dass es vielen von euch auch so geht. Das Gefühl sich dafür rechtfertigen zu müssen (meistens aber doch vor einem selbst). Du bist genauso richtig wie du bist.

Mich würde auch interessieren, wie dir dieser Podcast jetzt gefallen hat, wo es ja nicht direkt etwas mit Scanner Persönlichkeiten zu tun hat. Ich würde auch gerne mehr über Hochsensibilität und Introversion sprechen, weil das für mich auch sehr wichtige und persönliche Themen sind. Und irgendwie hängt ja doch alles miteinander zusammen, richtig? Gib mir gerne mal dein Feedback dazu! Ich würde mich sehr freuen von dir zu hören.